Home » Presseberichte » [6.12.07] Abendzeitung, 06.12.2007 »Warum darf ich hier nicht leben?«

[6.12.07] Abendzeitung, 06.12.2007 »Warum darf ich hier nicht leben?«

nachfolgenden Artikel haben wir übernommen aus www.irak.antira.info

Abendzeitung, 06.12.2007 »Warum darf ich hier nicht leben?« Zurück in den Krieg: Kurden in Bayern haben Angst vor der Abschiebung Im Nordirak droht ihr der Tod: Pakschan Talib Muhamad. [Foto: Loeper] Pakschan Talib Muhamad ist eine Power-Frau: Die 44-Jährige hat studiert, ist Agrar-Ingenieurin. Sie hat sich scheiden lassen, ist Single. Für ein neues Leben ist sie nach Deutschland gekommen – ein Land, wo Ingenieure gesucht werden.

Doch Pakschan ist nicht frei: Sie muss im Asylantenheim in Dachau leben. Eine Arbeit als Ingenieurin kann sie vergessen – sie muss die Arbeit annehmen, die deutsche Arbeitslose und EU-Ausländer nicht möchten. Im Internetcafe jobbt die Akademikerin. „Warum darf ich nicht wie jeder andere hier leben, arbeiten und reisen?“, fragt sie. Geduldet ist Pakschan. Das bedeutet: Ihr droht die Abschiebung in den gefährlichen Nordirak.

Obwohl sich die Sicherheitslage zuspitzt, schieben Bundesländer wieder Menschen in den Nordirak ab. Anlässlich der Innenministerkonferenz, die heute beginnt, protestieren Betroffene und ihre Helfer dagegen.

2002 kam Pakschan nach Bayern – sie war vor dem Saddam-Regime geflohen. Als Kurdin hatte sie in ihrer Heimat Kirkuk kaum Rechte. Rente, Krankenversicherung? Fehlanzeige. Dann die Scheidung. Geschiedene Frauen im Irak sind für viele Familien eine Schande, sie fallen häufig Ehrenmorden zum Opfer.
Doch als das Saddam-Regime gestürzt war, bemühten sich deutsche Behörden, irakische Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zu schicken. 60 000 von insgesamt 70 000 Irakern in Deutschland droht derzeit die Abschiebung, so der bayerische Flüchtlingsrat. In Bayern seien es 15 000. Vor einem Jahr beschlossen die Innenminister der Länder, irakische Flüchtlinge in den Nordirak abzuschieben, die hier straffällig geworden sind. Bayern nutzte den Freibrief prompt. Nach Angaben von Karl Michael Scheufele, Sprecher des Innenministeriums, wurden bereits sieben Straftäter in den Nordirak abgeschoben. „Daran halten wir fest“, beschreibt Sprecher Scheufele die Linie von Innenminister Joachim Herrmann (CSU).

Aber ist es moralisch vertretbar, Menschen in ein Gebiet abzuschieben, das von Krieg bedroht ist? Die Türkei droht seit Wochen, in den Nordirak einzumarschieren. Und einem Bericht des UN-Flüchlingskommissariat UNHCR zufolge hat die Zahl der Ehrenmorde zugenommen. Herrmann-Sprecher Scheufele sagt: „Wir gehen davon aus, dass die drei Provinzen, in die wir abschieben, sicher sind.“

Der Flüchtlingsrat geht davon aus, dass Straffällige nur der Anfang sind. „Die Beispiele Kosovo, Afghanistan und Bosnien haben gezeigt, dass erst Straffällige, dann Alleinstehende und schließlich Familien abgeschoben werden“, sagt Alexander Thal vom Flüchtlingsrat. Er kritisiert: „Hier wird mit dem Leben von Menschen gespielt.“ Pakschan Talib Muhamad muss täglich mit der Angst vor der Abschiebung leben. „Wenn ich meine Lebensideale im Nordirak verwirkliche, muss ich ins Gefängnis“, sagt sie verzweifelt.

Pakschans Problem steht übrigens nicht auf der Tagesordnung der Innenministerkonferenz.

Volker ter Haseborg

Kommentar

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*