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[27.05.09] Flüchtlingsfrage spitzt sich zu / Eindrücke aus Athen

Flüchtlingsfrage spitzt sich zu
Eindrücke aus Athen

Von Aykone Karamanolis

Jeden Tag stranden Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge an den Küsten Griechenlands. 2008 registrierten die griechischen Behörden 146.000 Menschen. Ihr Ziel: Mittel- und Nordeuropa. Doch eine europäische Verordnung, genannt Dublin II, verwehrt ihnen die Weiterreise. Sie müssen in dem Land Asyl beantragen, über das sie in die EU eingereist sind. In Griechenland wird das sichtbar. In Athen hat sich ein regelrechter Flüchtlingsslum herausgebildet.
Abdullah, Nadifas 10-monatiger Sohn ist endlich eingeschlafen. Die junge Frau wirkt erschöpft. Sie hockt auf einer Matratze am Boden, die Beine nah an den Körper gezogen.
Vor dem Bürgerkrieg in Somalia sei sie geflohen. Doch hier sei ihre Situation noch elender. Mit vier weiteren Frauen und zwei Kleinkindern wohnt Nadifa in einem schäbigen Zimmer eines Abbruchhauses, einem Zimmer, das keine zehn Quadratmeter misst. Die Decken hängen sie tagsüber zum Fenster raus, weil sonst der Platz nicht reicht, Fensterscheiben gibt es ohnehin nicht. In einer Ecke, einem Verschlag gleich, gibt es ein kleines Bad, davor ein Spülbecken und ein Gaskocher. Kakerlaken laufen über die speckigen Wände und nehmen dann den Weg über Matratzen, Kleidung und Kinderfläschchen, während die Frauen aus einem Teller in ihrer Mitte ein Reisgericht essen. 50 Euro im Monat zahlt jede von ihnen an den Besitzer.
Das Geld, erzählt Nadifa, verdiene sie mit Betteln. Was eine höfliche Umschreibung für Prostitution sein dürfte. Nun aber ist Nadifa schwanger. Und allein. Sie fühle sich nicht gut, sie könne nicht arbeiten. Ihre einzige Sorge ist nun, einen Arzt zu finden, der für wenig Geld eine Abtreibung vornimmt – obwohl sie schon im vierten Monat ist.
Sie wusste nicht, dass es ein Zeitlimit gibt. Sie kenne weder das Gesetz, noch die Sprache, noch wusste sie, an wen sich wenden sollte, sagt die 23-Jährige. Ob man ihr helfen könne; sie müsse das Kind loswerden, sie müsse arbeiten, wie solle sie sonst für ihren Sohn Abdullah sorgen?
Man kann das Zimmer von Nadifa verlassen, doch das Elend lässt man nicht hinter sich. Ein ganzes Stadtviertel im Zentrum Athens ist zum Flüchtlingsghetto geworden. Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge leben in Abbruchhäusern, teils ohne Strom und Wasseranschluss. Wer Asyl beantragt, erhält eine vorläufige Arbeitserlaubnis. Doch Arbeit gibt es kaum. Und staatliche Hilfe gar nicht. Griechenland stellt rund 800 Plätze in Aufnahmelagern bereit, alle anderen Schutzsuchenden sind auf sich allein gestellt. Manche verdienen sich ein paar Euro am Tag als fliegende Händler oder Hilfsarbeiter, andere leben von Almosen, viele rutschen ab in die Kriminalität. Ihre Tätigkeit kann Architekt Adam Kostikas von seinem Bürofenster aus beobachten:
„Die Migranten und Flüchtlinge haben kein Einkommen. Sie brauchen Geld. Und mit Drogen lässt sich schnelles und leichtes Geld verdienen. Auf der einen Seite arbeiten die Somalier, auf der anderen die Afghanen. Ich kann Ihnen jederzeit zeigen, wo sie hier Heroin, Kokain, Drogen aller Art bekommen. Auf der Straße. Der Handel läuft offen ab.“
Kostikas gehört zu den wenigen verbliebenen Einheimischen in diesem Viertel rund um den Omonoia-Platz, das Makler noch vor wenigen Jahren als das Soho Athens anpriesen. Es kamen Künstler und Intellektuelle. Nun schließt ein Büro nach dem anderen, die Bewohner ziehen weg, und die Stimmung verschlechtert sich zunehmend; erst kürzlich kam es nach einer Demonstration von Rechtsradikalen zu Ausschreitungen.
Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, UNHCR, weist – seit Jahren schon – auf die desaströsen Versäumnisse der griechischen Asylpolitik hin. Doch auch Europa steht in der Verantwortung. Hintergrund ist die gemeinsam unterzeichnete Dublin II-Regelung. Sie besagt, dass Schutzsuchende im ersten europäischen Land, das sie erreichen, Asyl beantragen müssen. Ketty Kehayioylou vom UNHCR-Büro in Athen:
„Dublin II war gedacht, um Mehrfachanträge in verschiedenen Ländern der Europäischen Union zu verhindern. Jetzt aber, wo das Einreiseland zuständig ist, werden die Länder am Rand der EU unproportional stark belastet.“
Dabei wollen die meisten, die in Griechenland ankommen, weiterreisen, nach Mittel- und Nordeuropa. Das war auch Nadifas Plan. Nun aber gebe es für sie kaum eine andere Möglichkeit als zu bleiben. Apathisch zieht die junge Frau die Beine näher an den Körper heran. Ihre einzige Hoffnung: Doch noch einen Arzt zu finden, der die Abtreibung illegal und für wenig Geld vornimmt.
Doch die Zeit, sagt Nadifa, vergehe, und in ihr sei es dunkel.
Deutschland Funk 27.05.2009


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