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[16.01.09] Vergewaltigung einer Asylbewerberin nicht nachgewiesen – Nürnberger Zeitung 16.01.2009

Vergewaltigung einer Asylbewerberin nicht nachgewiesen

Freispruch für Hausmeister

Freispruch für Hausmeister Ein früherer Hausmeister einer Flüchtlingsunterkunft in der Schloßstraße ist vom Vorwurf der zweifachen Vergewaltigung einer Asylbewerberin freigesprochen worden.
Es sei eine der schwersten Entscheidungen gewesen, die seine Kammer jemals habe treffen müssen, sagte der Vorsitzende Richter Thomas Gruber in seiner Urteilsbegründung. Es seien aber letztlich Restzweifel an der Schuld des 61jährigen Angeklagten geblieben, für den der Grundsatz “in dubio pro reo” gelte. Lieber lasse man einen Schuldigen frei, als einen Unschuldigen zu verurteilen, sagte der Richter.
Die Kammer habe der Hauptbelastungszeugin, einer heute 46jährigen Afrikanerin, nicht vollständig glauben können. Die hatte eigenen Angaben zufolge über Jahre verbale und auch tätliche sexuelle Übergriffe des Hausmeisters erduldet, bevor sie erst fünf Jahre nach der angeblich letzten Vergewaltigung, die im Schlaf erfolgt sein soll, Anzeige erstattete. Bezüglich der Einzelheiten des Missbrauchs soll sich die aus Uganda stammende Asylbewerberin während ihrer Vernehmungen in Widersprüche verstrickt haben. Die Kammer sprach von einer fehlenden Aussagekonsistenz. Ein mögliches Motiv für eine Falschbelastung sahen die Richter darin, dass eine Asylbewerberin während eines laufenden Strafverfahrens nicht abgeschoben werden kann.
Mehrmals hatte der 46Jährigen die Abschiebung gedroht, zuletzt wohl 2007, also in dem Jahr als sie zur Polizei ging. Mit dem Freispruch entsprach die Kammer dem Antrag von Verteidiger Jochen Horn. Alle Prozessbeteiligten waren sich jedoch einig, dass es ein generelles Problem von sexuellen Übergriffen auf Frauen in Asylunterkünften gebe. Das hatte auch Nebenklägeranwältin Ute Stöcklein angeprangert. Ebenso wie Anklägerin Anita Traud hatte sie keinen Zweifel an der Schuld des 61Jährigen. Der war bekannt gewesen für seine schlüpfrigen Bemerkungen und seine Distanzlosigkeit gegenüber Asylbewerberinnen, wie Zeugen bestätigt hatten.
Von der “Allmacht und Willkür eines kleinen Hausmeisters” sprach Anwältin Stöcklein. Dieser sei für die Essens- und Postausgabe zuständig gewesen sowie für die Zimmerbelegung. Ihre Mandantin, lange Jahre verfolgt in ihrer Heimat, habe letztlich auch hier keinen sicheren Ort gehabt. Immer wieder war der Hausmeister mit einem Zentralschlüssel in das Zimmer der 46Jährigen eingedrungen und hatte sich hier ungebeten aufgehalten.
Erbost über den Freispruch verließ eine Vertreterin einer Opferschutzgruppe türeschlagend den Sitzungssaal. Mehrere Flüchtlings-Organisationen, darunter die Karawane, hatten den Prozess verfolgt und das mutmaßliche Opfer betreut.
Susanne Stemmler

Nürnberger Zeitung 16.01.2009