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[14.01.09] Nürnberger Verhandlung wegen sexuellem Mißbrauch von Flüchtlingen durch Lager – Hausmeister

junge Welt, 14.01.2009
»Das Lagersystem macht sexuelle Ausbeutung möglich«
Simone Fischer ist Sprecherin des Bayerischen Flüchtlingsrats und war am Dienstag als Prozeßbeobachterin beim ersten Verhandlungstag dabei

junge Welt: Vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth muß sich der ehemalige Hausmeister eines Flüchtlingslagers wegen sexuellen Mißbrauchs widerstandsunfähiger Personen in den Jahren 2001 bis 2004 verantworten. Was ist passiert und warum ist es so spät zu einer Anklage gekommen?
Simone Fischer: Die Hauptbelastungszeugin, eine aus Uganda stammende Flüchtlingsfrau, hat sich erst 2007 zu einer Anzeige entschlossen. Es kommt ja häufiger vor, daß von sexueller Gewalt betroffene Menschen erst viel später darüber sprechen – aus Scham oder aus Angst, daß ihnen nicht geglaubt wird. Bei der Betroffenen kam erschwerend hinzu, daß sie schlecht Deutsch konnte, ihre Rechte nicht kannte und daß sie damals keinen Kontakt zu unabhängigen Beratungsstellen hatte. Inzwischen hat sie diese Unterstützung. Sie wirft dem Hausmeister, der einen Generalschlüssel für alle Zimmer des Flüchtlingslagers in der Nürnberger Schloßstraße hatte, vor, sie im Jahr 2001 im Schlaf überrascht und vergewaltigt zu haben. Es soll aber noch weitere Übergriffe auf schlafende Frauen gegeben haben – und es gibt noch eine weitere Betroffene, die aussagen will.

Wie verlief aus Ihrer Sicht der erste Verhandlungstag?
Zuerst hat der Angeklagte bestritten, je sexuellen Kontakt zu Bewohnerinnen des mittlerweile geschlossenen Flüchtlingslagers gehabt zu haben – aus meiner Sicht sehr unglaubwürdig. Er räumt lediglich ein, er habe vielleicht mal im Spaß eine Bemerkung über möglichen Sex gegen Geld gemacht.
Während der Aussage der Hauptbelastungszeugin wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen; ich habe aber hinterher mit ihr gesprochen. Es war für sie deprimierend; sie hatte in der Nacht vor ihrer Aussage sehr schlecht geschlafen, hatte Angst und mußte im Gerichtssaal weinen. Aber ich denke, sie ist jetzt auch froh, es geschafft zu haben.

Wie lange hat sie insgesamt in diesem Flüchtlingslager gelebt?
Von 2001 bis 2004. Sie ist dem Hausmeister immer wieder begegnet und gibt an, in diesen Jahren immer wieder von ihm belästigt worden zu sein. Sie lebt inzwischen in einem anderen Flüchtlingsheim. Aber Belästigungen dieser Art kennen wir leider auch aus anderen Berichten.

Belästigungen welcher Art?
Das Personal in den Flüchtlingslagern ist für die Ausgabe der Essenspakete, Hygieneartikel und Post an die Bewohnerinnen und Bewohner zuständig. Diese Machtposition wird manchmal zur Erpressung von Gegenleistungen mißbraucht, oder es wird zumindest versucht. Besonders neu angekommene Flüchtlingsfrauen wissen ja meist nicht, welche Befugnisse das Personal hat; und sie kennen häufig ihre Rechte nicht.

Sie gehen also von mehreren Fällen, auch in anderen Flüchtlingslagern aus. Ist es nach Ihrem Kenntnisstand das erste Mal, daß eine Betroffene sich zur Anzeige entschlossen hat?
Meines Wissens ja. Ich kenne keinen anderen Fall, in dem so etwas angezeigt und vor Gericht gebracht wurde. Aber wir hören regelmäßig von Machtmißbrauch dieser Art; es ist demnach kein Einzelfall.

Wie können Sie den Betroffenen helfen, wenn diese sich nicht zu einer Anzeige entschließen können?
Ich würde niemanden dazu überreden, weil es psychisch sehr belastend ist, sich so einem Prozeß zu stellen. Deshalb würde ich die Betroffenen immer nur beraten und unterstützen, wenn sie es wollen – aber niemals überreden. Das muß jede für sich allein entscheiden.

Was kann man sonst gegen die Täter unternehmen, die dann weiterhin unbehelligt in den Flüchtlingslagern arbeiten?
Leider wenig. Wir können nur die Menschen in den Flüchtlingslagern über ihre Rechte aufklären. Grundsätzlich fordern wir aber die Abschaffung des Lagersystems, das durch ein großes Machtgefälle zwischen Personal und Bewohnern die sexuelle Ausbeutung und andere Arten von Mißbrauch erst ermöglicht. Ob es zu solchen Diskriminierungen und Übergriffen kommt, hängt ausschließlich von der moralischen Einstellung des Personals ab. Deshalb fordern wir die Abschaffung der Lagerunterbringung für Flüchtlinge in Bayern.

Interview: Claudia Wangerin