Home » Bleiberecht » [03.04.11] Süddeutsche Zeitung, 31.03.2011 Flüchtlingshilfe mit dem Fahrrad

[03.04.11] Süddeutsche Zeitung, 31.03.2011 Flüchtlingshilfe mit dem Fahrrad

Süddeutsche Zeitung, 31.03.2011 Flüchtlingshilfe mit dem Fahrrad

Bis 4. April, wenn seine Fahrradtour 1000 Brücken endet, wird Heinz Ratz 7.000 Kilometer quer durch Deutschland zurückgelegt haben. Der Musiker ist seit Januar mit dem Fahrrad unterwegs, hat in über 60 Städten gehalten, dort abends mit seiner Band Strom und Wasser Konzerte gegeben und Spenden für in Deutschland lebende Flüchtlinge
gesammelt.

jetzt.de: Mitten im Winter mit dem Fahrrad durch Deutschland? Warum das denn?
Heinz Ratz: Es geht mir um die politische Aktion. Das Farrad hat verschiedene Aspekte. Zum einen der Mitmachaspekt, die Leute können mich begleiten. Zum anderen fliehen Flüchtlinge oft mit dem Fahrrad. Ich habe auf meinem Weg zum Beispiel eine Zigeunerin getroffen, die vom Kosovo mit dem Fahhrad bis nach Deutschland gefahren ist.

Ziel ist es, möglichst viele Spenden zu sammeln. Für welchen Zweck?
Ich möchte etwas am Umgang mit den Flüchtlingen in Deutschland ändern. Hier geht man mit Flüchtlingen in einer Art um, die für mich mit dem demokratischen Selbstverständnis nicht übereinstimmt. Ich habe Wohnungen gesehen, in denen vier Erwachsene auf zwölf Quadratmetern wohnen. Für ein halbes Jahr ist das ok, aber viele wohnen dort seit zehn Jahren oder länger. Die Flüchtlingslager sind auch oft im Wald, völlig abgeschottet von der Außenwelt und zum Arzt kann ein Flüchtling auch nicht ohne Weiteres, wenn er krank ist. Darauf möchte ich die Leute aufmerksam machen. Die Spenden, die wir bekommen, gehen dann zur Hälfte an den Rechtsschutz von Pro Asyl und die zweite Hälfte wird an lokale Flüchtlingsverbände verteilt, die vor Ort helfen können.

Wie viel Geld haben Sie jetzt kurz vor Ende der Tour beisammen?
Wenn es bis München weiter so gut geht, müssten wir auf 30.000 Euro kommen. Für das, was man als Einzelner machen kann, ist das sehr gut. Außerdem habe ich fast 600 ehrenamtliche Helfer gewinnen können.

Wo sind Sie im Moment?
Ich bin gerade in Freiburg. Als nächstes geht es nach Lörrach, danach Lindau und dann komme ich so langsam nach Bayern zurück. Die Tour endet nächste Woche in München, wo ich im Januar auch gestartet bin.

Mit Ihrer Band geben Sie abends in den Städten Konzerte. Fahren nur Sie mit dem Rad oder auch die anderen Bandmitglieder?
Die Band muss natürlich die Begleitbusse mit den Instrumenten fahren, aber oft radeln Bandmitglieder mit. Manchmal begleiten uns auch Privatpersonen. Das Maximum waren 80 Leute in Münster. Sonst sind wir ungefähr sechs Leute, die Fahrrad fahren.

Was haben Sie auf der Tour gelernt?
Eigentlich bin ich ziemlich erschrocken, weil ich gelernt habe, dass man eine Gesellschaft immer danach beurteilen muss, wie sie mit dem schwächsten Mitglied umgeht und da zeichnet sich in Deutschland ein schlechtes Bild ab. Ich habe gemerkt, wie schwierig es als Deutscher ist, Flüchtlingen zu helfen. Ich könnte einem Flüchtling, der Musiker ist, zum Beispiel keine Arbeit geben, weil ich mich damit strafbar mache. Eine Demokratie sollte nicht nur für die eigene Bevölkerung gelten, sondern für alle, die in dem Lang leben. Das habe ich als erschreckende Schlussfolgerung aus dieser Tour gezogen.

Was war das Schönste und was das Schwierigste auf Ihrer Reise?
Das Schönste waren die Begegnungen mit den Menschen und natürlich auch, den Wechsel in der Natur von Winter zu Frühling so intensiv mitzukriegen. Wenn man immer nur im Auto sitzt, merkt man das gar nicht richtig. Und schwer war am Anfang das ganze Eis im Januar, als wir noch in Bayern waren. Und die starken Gegenwinde in Norddeutschland.

Warum haben Sie sich ausgerechnet den Januar als Startmonat ausgesucht? Zum Fahrradfahren ist das ja nicht gerade die beste Zeit.
Aus zwei Gründen: Erstens ist das politische Interesse der Leute im Sommer nicht so groß, da sitzen sie lieber im Biergarten. Es ist also mehr eine Wintergeschichte, die Leute sind dann eher bereit, was zu tun, sich einzulassen. Und zweitens kann sich ein Flüchtling das Wetter auch nicht aussuchen. Warum also wir? Die Leute, die mich eine kurze Strecke lang begleiten, sollen ruhig erleben, wie es ist, bei schlechtem Wetter einen ganzen Tag Fahrrad zu fahren. Und im Vergleich zu Flüchtlingen ist das ja immer noch gar nichts.

Ist das die erste Aktion dieser Art, die Sie gestartet haben?
Nein, es ist ein moralischer Thriatlon. 2008 bin ich von Dortmund nach München zu Fuß gelaufen und habe Konzerte zu Gunsten von Obdachlosen gegeben. 2009 bin ich dann über 1.000 Kilometer durch deutsche Flüsse geschwommen, gegen das Artensterben.

Jetzt, wo der moralische Thriatlon komplett ist, wird Ihnen da nicht langweilig?
Nein, mir wird nie langweilig. Ich bin auch ganz froh, jetzt ein bisschen Zeit für unschuldige künstlerische Projekte zu haben und für meine Kinder. Die habe lange nicht gesehen.

Quelle: Süddeutsche Zeitung

Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on LinkedInShare on Google+Share on RedditShare on TumblrEmail this to someonePrint this page