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[02.07.09] Eindruecke vom Fluechtlingsdrama in Patra

hallo liebe Asylfreunde und -freundinnen

aus meiner Suedost-Europa-Radreise 2009 nachfolgend zu Eurer/Ihrer Kenntnis, Verwendung, gerne Weitervrebreitung, veroeffentlichung als Auszug aus meiner Reisenotizen

Meine Eindruecke vom Fluechtlingsdrama in Patra

Aus Bari mit der Faehre kommend war ich in Patras von Sonntag 21.06 nachmittags bis Dienstag 23.06. und nochmal Donnerstag 25.6. nachmittags zur Fluechtlingsdemonstration und heute 26.6. zur schriftlichen Zusammenfassung meiner Eindruecke vom Fluechtlingsdrama hier. 

Ich kannte vorher Griechenlandberichte von einzelnen Fluechtlingen aus Regensburg und Muenchen und Griechenlandrecherchen/-Infos von Pro Asyl und UNHCR (www.proasyl.de) und vom Lesbosnobordercamp (25.-31.Aug 09, www.lesvos09.antira.info) und hab das hier nochmals #studiert#, hier hab ich die 6 Minuten-Film – Zusammenfassung seiner Film-Reportage ueber die Fluechtlingsistuation in Patra fuer Deutsche Welle von Carl Giersdorfer angeschaut,www.carlgierstorfer.com. Ich empfehle allen undbedingt sich diesen kurzen Film anzuschauen und die anderen Dokumente. Und doch , wenn man dieses Drama dann so mit eigenen Augen sieht, mit eigenen Ohren hoert…. Der Reihe nach meine

Eindruecke vom Fluechtlingsdrama in Patra

1. Ankunft

Bei meiner Ankunft sind die ueberall im und vor dem Hafen postierten Polizisten mir gegenueber freundlich und hilfsbereit. Aber eine griechische Rechtsanwaeltin hat festgestellt: #Wer in Griechenland mit der Polizei konfrontiert wird, befindet sich moeglicherweise in Gefahr. Wenn aber Fluechtlinge mit den Sicherheitsbehoerden konrontiert sind, befinden sie sich in toedlicher Gefahr#. Im Fahrradladen erzaehlt mir ein seit mehreren Jahren in Patras lebender Deutscher, dass kuerzlich ein Polizist einen 14-jaehrigen mit dem Messer niedergestochen habe und im #Somalicamp# eine brutale Polizeirazzia durchgefuert wurde. Die Fluechtlingssituataion sei unvorstellbar, man sollte das mal filmen, ich solle emine Eindruecke sammmeln meint er und gibt er mir zum Abschied die email-Adresse von jemand einer hiesigen Fluechtlingsunterstuetzergruppe.

2. Fluechtlinge

Die Fluechtlinge sieht man ueberall in der Hafengegend und den Bahngleisen. Der Hafen ist ringsum umzaeunt, an vielenh Stellen mit Natostacheldraht unmwickelt, insbesondere dort wo es nah (z.t nur 100m) zu den Anlegereeelings der grossen Italienfaehren ist.

Manchmal sieht man Fluechtlinge am Zaun haengen, der an manchen Stellen etwas eingedrueckt. An einer solchen Stelle komme ich mit einer arabischen Fluechtlingsgruppe kurz ins Gespraech. Einer kann gut deutsch, war einige Jahre in Deutschland, wurde dann in seine Heimat abgeschoben und ist wieder gefluechtet, nun hier gelandet. #In Deutschland habe ich eine kleine Tochter, ich wuerde sie so gerne mal wieder sehen, aber wir Fluechtlinge haben keine Chnace…# Schon naehern sich 2 Polizeimotorraeder mit tatuetata, die Fluechtlinge laufen weg, die Polizei beobachtet mich misstrauisch, bevor sie weiterfaehrt. Aus einer Gruppe junger Afghanen kann einer etwas englisch, er will nach England und dann seine Eltern nachholen, wie er das schaffen will, steht in den Sternen #God will help us# ist seine Hoffnung.

Die Fluechtlinge sind obdachlos, schlafen in Parks oder #camps#, bekommen kein Geld, die meisten sind hier #illegal# ohne Papiere, einige haben die sogenannte #Rote Karte#, was bedeutet , dass sie hier einen Asylantrag gestellt haben. Aber auch mit Roter Karte bleiben sie obdachlos, die Anerkennungsquote betraegt 0,02 Prozent, 28000 Verfahren in erster Instanz sind anhaengig… ein obdachloser palaestineischer Fluechtling seit mit roter Karte, der seit 2 Jahren hier ist, sagt, er werde seine Rote karte am naechsten Tag verlaengern lassen, damit drohe bei Poliozeokontrollen oder Razzien zumindest keine Festnahme. Ein anderer sagt, es koenne auch passieren, dass die Polizei bestimmte Papiere einfac h zerreist, bei der Polizei wisse man nie, was passiert

3. Raus aus Griechenland- In/unter einen Sattelschlepper kommen

Raus aus Griechenland, irgendwie auf ein Schiff nach Italien, das ist
das Ziel der meisten, so vergehen Monate, Jahre ….

Wie wegkommen? Im Norden der Eingangtsstrasse nach Patras kurz vor dem Hafen muessen die Autos an einer Bau-Stelle abbremsen, neben der Strasse warten Fluechtlinge. Wenn ein Sattelschlepper abbremsen muss, rennt die Gruppe hinterher und versucht verzweifelt, die hintere Lade-Tuer des langsam fahrenden LKWs zu oeffnen, um sich drinnen verstecken. Meist erfolglos dann springen die fleuchtlinge wieder vom schneller dahrende n LKW runter, einmal hab ich gesehen, dass sie eine Ladetuer oeffnen konnten.. Immer wieder kommt nach kurzer Zeit die Polizei, dann laufen die Fluechtlinge weg, wenn dann die Polzei auch wieder weg ist, sind die Fluechltnge wieder da, same prcedere as always….

Im Sueden der Eingangsstrasse ist eine Ampel. Wenn dort Sattelschlepper anhalten muessen, rennen Fluechtlinge von hinten her und versuchen von hinten durch die drei Achsen des Sattelschleppers zu rutschen um sich so unter dem LKW zu verstecken…. auch dies natuerlich meist erfolglos, die Ampel wird gruen, der Sattelschlepper faert los und zwischen/unter den Hinterachsen rutschen die Fluechtinge wieder hervor… waehrend meinen Beobachtungen scheint einmal 2 Fluechtlingen gelungen zu sein, von den drei die unter die Achsen gerutscht sind rutscht bei losfahrendem LKW nur einer wieder hervor… Was geschieht mit den unter dem LKW haengenden? werden sie im Hafen von Patras entdeckt? Oder im Ankunftshafen in Italien?
Oder kommen sie tatsaechlich weiter????

Eingesperrrt im Hafen und von der Polizei misshandelt

Ein Fluechtling, der seit 2 Jahren hier ist, erzaehlt mir, einmal sei er so nach Ancona gekommen, aber dann dort entdeckt worden, im Hafen von Ancona eingesperrt und wieder zurueck nach Patras gebracht worden. Ein anderes mal sei er im Hafen Patras eingesperrt worden, dort habe ihn die Polizei so geschlagen, dass ein Bein gebrochen ist, 3 Monate litt er darunter…

4. Containergefaengnis im Hafen Patras

Einen anschaulichen Bericht ueber das Containergefaengis am Hafen Patras entnehme ich einem Leserbrief mit dem Titel
#In der Containerzelle von Patras# von Wolfang Hauser aus Wien, abgedruckt in #Griechenlandzeitung# Nr 184, 3.-9. Juni 2009, der deutschspsachigen Wochenzeitung Griechenlands, die ich im Goetheinstitut bekomme:

Herr Hauser war lt seinem Leserbrief mit Freunden dabei ein Boot mittels Seeweg auf der Faehre von Patras nach Venedig zu bringen. Vor Faehrabfahrt stellte der den Bootshaenger 4 Stunden im streng bewachten und umzaeunten Hafen (siehe oben) ab. Aber vor der Abfahrt entdeckte die Hafenpolizei zwei Fluechtlinge ,die sich inzwischen unter der Plane bzw im Boot versteckt hatten. Die Fluechtinge wurden natuerlich sofort in Handschellen festgenommen und weggebracht.

Aber auch Herr Hauser und seine Freunde wurden in Handschellen in eine Gefaengniscontainerzelle gebracht wegen #Schleuserverdacht# obwohl die Fluechtlinge gleich angaben, dass sie sich selber versteckt haben. Herr Hauser schreibt dann weiter: #Diese Zelle war zirka 2,20 x 3,50 gross, un es befanden sich keinerlei Moebel darin. Lediglich eine stinkende , dreckige Matraze am Boden, eine ebensolche Decke und ein ebensolches Polster, Ueberall war Rost und Dreck und penetranter Gestank. Bevor wir in die Zelle gesperrt wurden, gab man uns die Moeglichkeit , die Toilette aufzusuchen. Bei der Toilette handelte es sich um zwei Dixie-Klo-Container. Diese waren mit Faekalien verschmiert und der Gestank und die ekelige Situation trieben mir die Traen in die Augen und ich und meine Freunde musssten mit extremen Brechreiz kaempfen. Danach sperrte man uns in die Zelle in der die ganze nacht lang das Licht brannte. Den Vormittag am naechsten Tag verbrachten wir auf Polizeistation… Nach einigen Stunden wurden wir in das Gericht nach Patras gebracht…. nach allen Aussagen – auch der der Fluechtlinge – wurden wir nach 16 Stunden in Gewahrsam freigesprochen…Es wurden uns waehrend der Haft zu keiner Zeit Wasser oder Nahrung angeboten#

Wenn Herr Hauser schon so behandelt wurde, wie dann erst Fluechtlinge…. das gebrochene Bein….

5. Das Fluechtlingsscamp

Ca 2 km im norden des Hafens unweit des Meeres am Rande von Hochhauesern ist ein Huettencamp von Fluechtlingen. Ich gehe am Montag um 10 Uhr dorthin um mich dort mit 2 der Unterstuetzer zu treffen.
Auf den kleinen Gruenflaechen davor und dem ehemalige Tennisplatz liegen schfafende in Decken eingewickelte Fluechltinge. Baustellen von neuen Hochausern werden von Fluechtlingen bewohnt…

Ca 500 sind derzeit in diesen Camp, die meisten aus Afganistan, viele junge … Vor einigen Monaten waren es ca 2000…. einfach Holzhuetten, mit Plastikplanen, am Rand eine grosse provisorische Toilette, es gibt einige Wasserstellen und Stromanschluesse, alles illegal angezapft, aber (noch) geduldet wie das ganze Camp. In einer Huette ist eine Teestube eingerichtet, auch kleine Huettenlaeden mit Turnschuhen, Seife und Milch gibt es im Camp…
Mittendrin haben Aerzte ohne Grenzen ein Zelt stehen und behandeln dort Fluechtlinge. Vor einigen Tagen habe der Sturm ein Teil des Zeltes zerstoert erzaehlt mir ein Mitarbeiter, nun werde das wieder repariert. Die Unterstuetzer aus Patras berichten, dass die Aerte ohne Grenze hier frueher einen beseereb, festen Raum gehabt haetten, der sei bei einem grossen Feuer im Winter zerstoert worden. Das Feuer sei moeglicherweise von den Griechen der Wohnsiedlung neben dem Camp gelegt worden, jedenfalls haben diese die Feuerwehr behindert, als sie zum Loeschen kam. Zum Glueck gab es keine Tote, nur ein paar Verletzte …

Afrikanische Fluechtlinge, viele aus Somalia, sind in einem anderen Camp, suedlich des Hafens, dorthim komme ich nicht, ich sehe nur ein paar erbaermliche Huetten am Strand.

6. Unterstuetzertreffen

Fuer/am Sonntag abend werde ich per email zu einem Unterstuetzreffen eingeladen. Anhaenger verschiedener Gruppen sind zusammengekommen um Protestaktionen , insbesondere eine Demonstration am Donnertstag zu besprechen. Hier geht es zu wie bei uns bei solchen Treffens und ich beschliesse natuerlich an dieser Demonstration teilzunehmen

7. Demonstration am 25.06

zum Treffpunkt 17 Uhr im Camp treffen die ersten zunaechst troepfelnd ein, allmaehlich werden es doch mehr… auch die Fluechtlinge sammlen sich, im Camp werden Transparente besprueht… die Demo vorbesprochen, ein Lautsprecher wird auch aufgetrieben… um ca 18 Uhr setzt sich ein Demozug von ca 300 Personen in Bewegung, #Asilo, Asilo# und #no border no nation – stop deportation# sind die Hauptparolen, die Demo wendet sich auch gegen Versuche das Camp aufzuloesen, in dem sich die Fluechtinge zumindest etwas organisiert haben…

Rhytmisches Klatschen und immer wieder die laut gerufene Parolen steigern die Stimmung… Die Parolen werden viel lauter gerufen, was als wir in nDeutschland es gewohnt sind

So zieht die Demo am Hafen vorbei, weiter in und durch die Innenstadt, immer mehr stossen dazu, weitere Transparente und Fahnen tauchen auf, die Demo wird immer groesser, im Zentrum stoesst der Zug vom Africacamp auf dr andere nseite der Stadt dazu, da ist die Demo auf fast 1000 Personen angewachsen…. Laute Parolen, rhytmischyes Klatschen . Die Demo geht laenger duch die Innenstadt, um den Hauptplatz Ypsilo Alonia…

Demoanmeldungen sind hier nicht ueblich, man demonstriert eben und sucht sich selber seinen Weg, beobachtet von der Polizei, die etwas den Verkehr regelt, einmal auch mit Schlagstoecken auftaucht, aber dann wieder abzieht. Gemeinsam geht die Demo wieder zurueck zum Camp, wo wir um ca 20.30 Uhr wieder ankommen und ich mich verabschiede. Einige der leute von hhier nehmen wohl auch am Lesbosgrenzcamp Ende August teil

7. Fluechtlinge haben andere Augen

Am naeschten Tag – also heute, vorhin auf dem Weg hierher ins internetcafe – habe ich zwei junge Fluechtlinge aus dem Camp getroffen, mit denen ich mich waehrend der Demo unterhalten habe. Sie erzaehlen mir, dass die Polizei in der Nacht einen Freund von ihnen festgenommen hat.
Ploetzlich in der Naehe des Hafens meinen sie # sorry, police, problem# und verschwinden in einer Seitengasse. Mir kommen zwei Polizisten entgegen, die ich bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte. Fluechtlinge haben andere Augen…

8. Fazit

Waehrend ich hier schreibe und im internetcafe sitze wird mir immer bewusster wie unbeschreiblich das alles ist.

Wenn man nach Verantwortlichen fuer dieses Drama sucht, denkt man hier an griechische Behoerden, Polizei, Grenzschuetzer….aber dann gehen die Gedanken weiter an #Festung Europa# und Dublin II …. und daran hat die deutsche Regierung als ein starker hardliner dieser Abschottung entscheidende Verantwortung. Die deutsche Fluechtlingspolilitk ist somit m.E. schuldiger an diesem Drama als das schlimme, was die Griechen hier machen (und nichtmachen). Und wenn dann das Bundesamt mit Blick auf Dublin II Abschgiebungen eine Delegation herschickt um das alles zu beschoenigen (siehe doe prroaszlinfos) dann wird , uverantwortlich. Stoppt Abschiebungen nach Griechenland! Zum Glueck ist das schon einige mal gelungen

Gotthold, 26.06 09

p.s.

Neben den internetadressen die ich eingangs genannt habe – schaut euch zumindets den 6minuetigen Film von Giertorfer im internet an – hier noch die internetadresse der hiesigen Gruppen, u.a mit Fotos aus Patra

www.noborderpatras.org
www.resistance2003.org

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